Digitalisierung in der Medizin: erhebliche ungenutzte Potenziale

In vielen Bereichen des Alltagslebens hat die Digitalisierung in der jüngsten Vergangenheit erhebliche Fortschritte gemacht. Dabei war das Bestreben, die negativen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zu kompensieren, oft ein wesentliches Motiv und wirkte als Innovationstreiber. Gerade im Gesundheitswesen sind bislang allerdings noch erhebliche Potenziale ungenutzt geblieben. Das macht sich vor allem dort negativ bemerkbar, wo personelle Engpässe und insbesondere ein Mangel an Ärzten die Sicherheit der medizinischen Versorgung zu gefährden drohen.

Junge Ärztinnen und Ärzte werden zu wenig auf die Digitalisierung vorbereitet

In zahlreichen Regionen europäischer Länder ist es heute nur mit Schwierigkeiten möglich, kurzfristig einen Arzttermin zu bekommen. Und vor allem im ländlichen Raum lässt sich die ärztliche Versorgung vielerorts aus Mangel an Ärzten kaum noch in der erforderlichen Weise aufrechterhalten. Vor diesem Hintergrund mahnt der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Thomas Szekeres, die Schaffung von mehr und attraktiveren Kassenstellen sowie eine Entlastung der Ärztinnen und Ärzte von bürokratischen Tätigkeiten an und verweist darauf, dass telemedizinische Angebote ärztliches Personal nicht ersetzen, sondern lediglich unterstützen könnten. Doch selbst die telemedizinische Unterstützung wird in der Praxis noch längst nicht in dem Maße genutzt, wie es theoretisch bereits möglich wäre. Dazu kommen zahlreiche Defizite an anderen Stellen. So gibt es noch immer zahlreiche Arztpraxen, die nicht über eine eigene Website verfügen, obwohl diese mittlerweile für fast die Hälfte der jüngeren Generation sowie für eine stetig wachsende Zahl von Älteren das entscheidende Kriterium bei der Auswahl ihrer Ärztin oder ihres Arztes ist. Ein Grund für die bestehenden Digitalisierungsdefizite im Gesundheitswesen ist sicherlich der zu geringe Stellenwert der digitalen Transformation in der medizinischen Ausbildung. So ergab beispielsweise eine Umfrage, dass nur etwa ein Fünftel der Studierenden im Fachgebiet Medizin als „digitale Alleskönner“ einzustufen seien.

Stärkere Gewichtung von Digitalisierungsthemen im Curriculum notwendig

Wenn sich diese Situation grundlegend ändern soll, bedarf es dringend einer stärkeren Gewichtung von Digitalisierungsthemen in den Studienordnungen und -plänen der medizinischen Fakultäten. Denn nur, wer auch über die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt, wird später in der eigenen Praxis oder in der klinischen Arbeit auch Entscheidungen zugunsten digitaler Technologien treffen und deren Nutzung aktiv fördern. Solche Entscheidungen sind aber umso wichtiger, weil es meist einen Vorreiter oder einen entschiedenen Anstoß braucht, wenn Digitalisierungsprojekte umgesetzt werden sollen. Ist dies erst einmal geschehen, schwindet die anfängliche Skepsis verschiedener Beteiligter meist schnell, sobald die positiven Effekte spürbar werden. So traf beispielsweise die Einführung von Chipkarten für Krankenversicherte durchaus auf erhebliche Vorbehalte, doch heute würde wohl niemand mehr ernsthaft diese Lösung aufgeben und auf die e-card-Infrastruktur verzichten wollen. Schließlich führt sie bei Ärzten und deren Praxispersonal ebenso zu spürbaren Zeit- und Papierersparnissen wie bei den Krankenkassen. Ähnlich könnte es demnächst auch bei telemedizinischen Lösungen geschehen. Wenn eine Ärztin oder ein Arzt auf dem Lande die Möglichkeit hätte, mit den Patientinnen und Patientinnen vor einem eventuellen Hausbesuch per Videochat zu kommunizieren und wesentliche Fragen vorab zu klären, dann könnten die Besuche vorab nach Dringlichkeit geplant, optimale Routen festgelegt und möglicherweise unnötige Wege vermieden werden. So ließe sich eine Menge Zeit einsparen, die dann zusätzlich für unerlässliche persönliche Behandlungen und Beratungen zur Verfügung stünde.

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